Vom Kopf aufs Papier




– „Ja, ja, warte. Gleich. Jetzt kann es losgehen. Welche Farbe willst du denn haben, erstmal?“
Der Charakter bewegt meine Hände schnell und schon habe ich vor mir viele kleine Tuschefässer gesammelt und aussortiert.
– „Gelb? Grün? Goldgrün? Gelbgrün? Kükengelb? Zahngelb? Formica-Gelb? Hm… OK, ist nicht ganz meine Farbe!“
– „Aber meine!“
Ich zeichne. Der Charakter, der noch nur in meinem Kopf existiert, ist gar nicht zufrieden.
– „Ich sehe doch nicht so aus!“
– „Ist mir schon klar.“
Ich zeichne.
– „Nicht so!“
– „Ich weeeeeiß. Ich werde gerade erst warm.“

– „So, was hältst du davon?“
– „Nicht schlecht, aber nicht gut.“
– „Entspricht auch meinem Gefühl. Sag mal, wie ist deine Nase? Spitz, rund? Klein, groß?“
– „Wie meine Nase aussieht, ist deine Aufgabe. Auf jeden Fall bin ich süß, gescheit, verspielt und einfach rundum glücklich.“
– „Du hast ja Glück.“
Dann ist der große Moment da. Stille im Kopf. Ich schaue mir das Bild an. Und ich weiß nicht mehr, wo der Charakter ist. Im Kopf oder auf dem Papier?
– „He. Bist du da?“
Stille. Der Charakter auf dem Papier schaut mich an. Er sieht süß, aber nicht bildhübsch aus, gescheit, aber nicht hochbegabt, verspielt und glücklich sowieso.
Und grün, sehr grün sieht er aus. Da frage ich mich, wie dieses Goldgrün – das an seinen schlimmsten Tagen einfach nur Khaki ist und an seinen besten Tagen einen warmen Orangenstich aufweist – wohl auf meine Webseite aussehen wird. Aber gut … Das war nicht meine Entscheidung.
Es sieht so aus, als ob dieser Charakter keine Sorgen kennt. Inspirierend.
– „Kenne ich auch nicht! Ist ja die Idee, dass ich nicht wie du bin!“
– „Da gebe ich dir recht. Oh und! Du sprichst wieder?“

Nun zeichne und zeichne ich. Es werden viele. Plötzlich weiß ich nicht mehr, wo der echte, der originale, der ursprüngliche, der wahre Charakter steht.
– „Bist du das?“
– „Nein.“
– „Und dieses?“
– „Nein.“
– „Wo bist du, Mensch?“ frage ich ihn.
– „Die da hat meine Nase, der da hat meine Hände. Meine Augen nimmst du hier.“

Am Tag danach, in aller Frische, wird gebastelt.
Dann passiert es wieder. Stille im Kopf. Ich glaube, heute feiern wir Geburtstag.
– „Jetzt brauchen wir noch einen Namen für dich. Und was bist du überhaupt? Frau, Mann? Kind? Alles? Bist du sehr jung, sehr alt? Beides?“
Aber der Charakter redet nicht mehr. Er existiert jetzt nur noch auf dem Papier. Und ich kann mich erholen.

Das Leben mit diesem Charakter hat sich eingependelt. Es ist nicht mehr so aufregend, aber weiterhin schön. Manchmal denke ich, der Charakter ist nicht elegant genug. Er wirkt ein bisschen grob. Er sieht manchmal sogar albern aus. Aber halt. Bin ich eine Mama, die bedingungslos liebt, oder nicht?