Zurück zum Anfang: Kinderzeichnungen



Mit 3, 4, 5 Jahren – welch ein Schwung! Welch ein Mut!
Keine Scheu vor Rosa, Sternen und Herzen (die mir immer noch gefallen).
Keine Furcht vor Perspektive, ich kannte ja keine.
Kein Respekt vor Schatten, ich setzte ja keine.
Kein Versuch, meine Charaktere mit Wiedererkennungseffekt zu versehen – wer wer war entschied ich, Punkt.
Keine Idee, was die anderen zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler jenseits des Schulkorridors draufhatten. Ich glaube auch nicht, dass es mich sonderlich interessiert hätte.
Welch ein Selbstvertrauen zeigt sich in diesen Zeichnungen.
Und welch ein Sinn für Komposition! Mal ist das Papier regelmäßig voll bemalt, mal bleibt eine große weiße Stelle leer. Offensichtlich gezielt eingesetzt. Keine Angst vor der Leere.
Welch ein Sinn für Rhythmus und Abstraktion!
Und welch ein Kontrast auf einem der Blätter, zwischen dem sehr kleinen Haus und der großen Person daneben. Wusste ich schon damals, dass Menschen wichtiger sind als Objekte? Zwei Jahrzehnte später konnte ich dieses Darstellungsprinzip benennen: Bedeutungsperspektive.
Welche eine Freiheit und Bescheidenheit in der Auswahl der Materialien. Schmierpapier war gut genug.
Wieviel Fokus und Energie diese Zeichnungen vermitteln.
Und wie produktiv ich damals war! Mehrere fertige Zeichnungen am Tag. Wo ich jetzt mehrere Wochen für eine brauche.
Von den Kinderzeichnungen habe ich ein Drittel weggeworfen. Die meisten waren gut gewesen. Die „schönsten“ habe ich aufbewahrt.
Interessant fand ich meine Bewertung der Zeichnungen. Wenn ich eine Zeichnung sehr mochte, aber auf der Rückseite entdeckte, dass sie gar nicht von mir stammte, konnte ich sie einfach loslassen. Wenn mein eigener Name dahinterstand, spürte ich sofort eine Vertrautheit.
„Habe ICH gezeichnet!“ ist anscheinend ein Stolz, der sehr flexibel einsetzbar ist.
Von meinen Zeichnungen als Teenager habe ich zwei Drittel weggeworfen. Da war mehr Schmerz drin, da fing es an mit der Unsicherheit. Wenn sie einmal zum Ausdruck gebracht ist, brauche ich die Emotion nicht länger in Form der Zeichnung aufbewahren. Ihr Zweck ist erfüllt.
Danach kam die Kunsthochschule, wo ich lernte, diese Kindesenergie zu lenken ohne sie zu beschädigen. Wir erarbeiteten Techniken, um frisch und spontan zu bleiben, bevor wir den Pinsel zum 10.000sten Mal in die Hand nahmen.
Dann ging es darum, Ausdauer zu zeigen. Denn das Kind, das ich war, zeichnete einfach in Freiheit. Will die Illustration als Beruf ausgeübt werden, kommen die Einschränkungen.
Diese Einschränkungen sind ein Segen, denn sie laden mich ein, neue visuelle Orte zu eröffnen und zu erkunden.
Dennoch bleiben Bewertungskriterien weiterhin wichtig:
– „Habe ich Spaß am Zeichnen?“
Wenn die Freude völlig abhanden gekommen ist, ist etwas schief gelaufen.
– „Kommt eine gewisse Unbeschwertheit bei den Betrachtenden an?“
Wenn sie fehlt, darf ich darüber reflektieren, an welchem Punkt im Prozess ich sie selbst verloren habe, sodass ihr Fehlen im außen spürbar ist.







